Narcissus und Echo

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Echo und Narziss- John William Waterhouse (1903)
In seinem dritten Buch beginnt Ovid mit dem Orakel des Tiresias über Narcissus, welches besagt: „Narcissus wird alt werden, wenn er sich nicht kennt.“
Da der schöne Jüngling in fünf Jahren nur drei Jahre älter wird, begehren ihn viele Männer und Frauen. Allerdings wohnt ein hartherziger Hochmut in seiner zarten Gestalt.
Echo, welche das Schicksal hatte nur Gehörtes wiederholen zu können, verliebt sich auch in Narcissus. Ihre Beeinträchtigung beruht auf einer Bestrafung der Juno, da diese jedes Mal, als sie kurz davor war die Nymphen in JuppitersArme
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Echo- Alexandre Cabanel (1874)
n zu ertappen, von der geschwätzigen Echo in ein Gespräch verwickelt wurde. Echo erblickt den Hirsche jagenden Narcissus und ihr Herz entbrennt in Liebe.Als Narcissus sich einmal im Wald verirrt, ruft er um Hilfe und die Nymphe antwortet immer mit seinen letzten Worten. Schließlich fällt sie ihm um den Hals. Er aber lässt nicht zu, dass jemand Macht über ihn hat, lehnt ihre Liebe ab und flieht. Aus Liebeskummer zieht sich Echo in den Wald zurück, verbirgt ihr Gesicht und Laub und lebt in einsamen Höhlen. Einzig und allein ihre Stimme bleibt erhalten.


„[395]…Doch die Liebe bleibt und wächst noch aus Schmerz über die Zurückweisung. Sorgen gönnen ihr keinen Schlaf und zehren den Leib jämmerlich aus; Magerkeit läßt die Haut schrumpfen, in die Luft entschwindet aller Saft des Körpers, nur Stimme und Gebein sind übrig. Die Stimme bleibt, das Gebein soll sich in Stein verwandelt haben. Seitdem ist sie in Wäldern verborgen und läßt sich auf keinem Berg blicken. Alle können sie hören. In ihr lebt nur der Klang.“

Die Metamorphose des Narcissus beschreibt Ovid besonders genau. Er lässt sich an einer Quelle nieder, um den Durst vom Jagen zu stillen. Als er das Spiegelbild seiner Schönheit erblickt, hält er die Wellen für einen Körper und begehrt sich selbst.

„[425]…Nichts ahnend begehrt er sich selbst, empfindet und erregt Wohlgefallen, wirbt und wird umworben, entzündet Liebesglut und wird zugleich von ihr verzehrt. Wie oft gab er dem trügerischen Quell vergebliche Küsse! Wie oft tauchte er, um den Hals,
den er sah, zu erhaschen, die Arme mitten ins Wasser und konnte sich nicht ergreifen!
Er weiß nicht, was er sieht; doch was er sieht, setzt ihn in Flammen.“

Schließlich bemerkt Narcissus, dass er sich in sein eigenes Abbild verliebt hat und realisiert die Ausweglosigkeit, in der er sich befindet, und damit verbunden seinen baldigen Tod. Er fleht sein Spiegelbild an, doch nicht wegzugehen, schlägt sich selbst auf die Brust und schmilzt anschließend vor Liebe dahin. Zahlreiche Nymphen und auch Echo beklagen seinen Abgang - an der Stelle seines Todes ist kein Leib mehr, nur mehr eine gelbe Blume, eine Narzisse, zu finden.

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Gelbe Narzisse

Interpretation Narzissus und Echo
In der Metamorphose von Echo wird ein Naturphänomen, das Echo erklärt. Durch die Ablehnung des Narciss zieht sich die Verliebte in den Wald und die Berge zurück, die Orte, wo man auch heute ein Echo findet. Durch die Bestrafung der Juno kann Echo immer nur die letzten Worte von etwas Gesagtem wiederholen, die Ursache des Phänomens wird einfach erklärt. Der Körper und die Gestalt der Echo ist vergänglich, einzig und allein ihre Stimme und ihre Echorufe bleiben auf ewig. So antwortet uns Echo ein jedes Mal wenn wir in den Wald oder auf den Bergen rufen und bleibt uns somit unvergänglich in Erinnerung.
Bei Narzissus löst sich seine Gestalt, ähnlich wie bei Echo auf. Seine Schönheit verschwindet und ist schon längst in Vergessenheit geraten. Seine Verwandlung beschreibt Ovid so genau, dass es sich zweifelsfrei um die heute als Narzissebezeichnete Pflanzen handelt. Die Narzisse ist einerseits ein Symbol für die Überwindung des Todes und der Wiedergeburt, andererseits steht sie aber auch, hier in Bezug auf Ovids Metamorphose, für Selbstliebe und Eitelkeit.